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Nahe Geschichten aus einer fremden Welt


SCHAUSPIEL: Theatercompagnie >fliegende fische> gastiert mit "Götter, Guru, Germany" im Mannheimer Nationaltheater


Von unserem Mitarbeiter Hartmut Krug


Wenn die Schauspieler auf die leere Bühne strömen, erwacht sofort eine fremde Welt. Nur mit ihren Stimmen und Körpern versinnlichen acht Darsteller in Alltagskleidung eine indische Straßenszene: zum Höllenlärm aus Hupen und Geschrei, Gesang und Gemuhe erkennt man Bettler und Busse, beobachtet Geschäftsleute mit Handy und Rikschafahrer mit ihren Kunden, erlebt eine Beerdigung und Kühe auf der Straße. Das Ganze: gestisch-mimisches Schauspieler-Erzähltheater der raffiniert einfachen Form.


Acht Monate sind die fünfzehn jungen Schauspieler, Musiker und Puppenspieler, die sich zur Theatercompagnie "Fliegende Fische" zusammengefunden haben, auf Theaterforschungsreise in Indien und Nepal unterwegs gewesen. Sie gaben ihre Stadttheaterengagements auf, bevor ihre Neugierde von der Routine bezwungen war. Statt eine der üblichen Koproduktionen mit Künstlern aus fernen Ländern zu unternehmen, haben sie sich an ein wirkliches Abenteuer gewagt: raus aus der reinen Theaterwirklichkeit. Sie haben viel gelernt und gespielt auf ihrer Reise durch den fremden Kontinent. Im Zeitalter der Globalisierung und Angleichung von Lebensweisen galt dabei ihre Neugierde dem Fremden, das sich noch in kultureller und persönlicher Identität ausprägt.


Die "Fliegenden Fische" haben auf ihrer Suche nach einer universellen Theatersprache nicht das Theater neu erfunden, aber wunderbar offenes Erzähltheater geschaffen. Wenn ein Schauspieler von seiner Angst vorm fremden Land in hypochondrischer Panik so komisch wie ernsthaft zugleich erzählt, dann wird nicht nur die Unsicherheit des Reisenden vor unhygienischen Zuständen deutlich, sondern auch die Atmosphäre eines Landes, in dem man "den Tod riechen" kann und in dem Shiva, der Gott der Zerstörung, allgegenwärtig ist. Der Blickwinkel der vielen kleinen Geschichten wechselt ständig. Dabei wird (Theater) gezeigt, nicht (fremdes Leben) erklärt: Wenn Inder gezeigt werden, die Deutschland keineswegs negativ "als das Land von Adolf Hitler" ansehen, oder wenn einer der beiden indischen Schauspieler erschrocken ist, weil ihm Deutschland so still vorkommt.


Vor allem aber geht es um die Liebe. Um arrangierte und Liebesheiraten, und um Konflikte, die entstehen, wenn sich Menschen aus unterschiedlichen Kasten verlieben. Wie hier im Wechsel zwischen kommentierender Erzählung und vorführendem Spiel immer wieder wunderbar einfache Darstellungsformen gefunden wurden, begeisterte das Publikum enorm. Da wird ein Bettlerkind von einer geführten Puppe gespielt, eine Liebesgeschichte mündet in einen bollywoodesken Tanzsong, und bei der Diskussion über die für 50 Rupien (entspricht einem Euro) zu bekommenden Huren wird auch einmal das Publikum im Fragespiel einbezogen. Die schönste Szene aber zeigt eine schwangere Frau, die sich in einen Europäer verliebt hat. Während sie nachdenkt, strampelt sich eine andere Darstellerin als das Ungeborene durch dessen selbstbewussten Kommentar. "Götter, Guru, Germany" brachte uns die Fremde ganz nah und ließ sie uns zugleich fremd bleiben.


Mannheimer Morgen
22. Juni 2006